Vom Offizier in die Selbstständigkeit – 15 Jahre, Teil 1

In drei Artikeln stelle ich meine Erfahrungen und Entwicklungen in der Selbstständigkeit vor. Heute Teil 1.

Nicolas Scheidtweiler - Employer Branding now

NICOLAS SCHEIDTWEILER
Senior-Berater
Organisationsentwicklung & Führung
T. +49 421 639 350 29
E. nicolas@scheidtweiler-strategie.com

15 Jahre. Am 21. Juli 2011 habe ich den Schritt gemacht, über den ich schon länger nachgedacht hatte: Ich ging mit einer eigenen Webseite online, begann aktiv auf mögliche Kunden zuzugehen und erklärte meine berufliche Selbstständigkeit nicht mehr zu einer interessanten Option, sondern zu einer Tatsache.

Das klingt im Rückblick geradliniger, als es damals war. Biografien neigen dazu, nachträglich eine Logik zu erhalten, die sie in der Gegenwart des Geschehens selten besitzen. Entscheidungen entstehen nicht unter Laborbedingungen. Sie werden unter Unsicherheit getroffen – mit unvollständigem Wissen, begrenzter Erfahrung und einer Mischung aus Zuversicht, Zweifel und gelegentlicher Blauäugigkeit.

Genau so war es auch bei mir.

Zwischen Bundeswehr, Medien und einer noch unscharfen Idee

2010 war ich aus der Bundeswehr ausgeschieden. Als Offizier und Radioredakteur bei Radio Andernach hatte ich gelernt, Informationen einzuordnen, Themen journalistisch aufzubereiten und Kommunikation nicht bloß als Produktion von Texten, sondern als Beziehung zwischen Absender, Botschaft und Zielgruppe zu verstehen. Journalismus, Medien und Public Relations waren deshalb naheliegende berufliche Felder.

Nur der Weg dorthin war noch nicht klar. Ich war in Koblenz stationiert gewesen, meine damalige Freundin lebte in Bielefeld, und damit verband sich zunächst sogar die sehr praktische Frage, wo eine mögliche Selbstständigkeit ihren Ort finden sollte. Koblenz oder Bielefeld? Eigentlich eine Standortfrage. Dahinter lag jedoch die grundsätzlichere Frage, ob ich mir zutraute, aus den erworbenen Fähigkeiten ein eigenes Leistungsangebot zu entwickeln.

Zunächst kam es anders. Nach einem Offizierseminar sprach mich ein Berater an und vermittelte mich als Assistenten in die Rüstungsindustrie. Die Aufgabe klang interessant, die Branche war mir aus meinem bisherigen Werdegang nicht fremd. Dennoch zeigte sich relativ schnell eine kulturelle Nichtpassung. Ich verließ den Konzern wieder.

Auch das gehört zu beruflicher Entwicklung: Nicht jede Station muss von Dauer sein, um eine Funktion zu erfüllen. Manche Erfahrungen zeigen einem weniger, wohin man gehört, als vielmehr, wohin man nicht gehört. Beides schafft Orientierung.

Die Ermutigung durch andere Menschen

In Bremen lernte ich Sabine kennen. Sie war eine der Personen, die nicht nur eine Möglichkeit in mir sahen, sondern sie auch aussprachen. Sie motivierte mich, den Weg in die Selbstständigkeit tatsächlich zu gehen, und vermittelte mir erste Projekte. Dafür bin ich ihr bis heute dankbar.

Rückblickend wird mir immer deutlicher, wie selten berufliche Wege ausschließlich aus eigener Kraft entstehen. Natürlich muss man selbst entscheiden, handeln und Verantwortung übernehmen. Aber häufig sind es andere Menschen, die im entscheidenden Moment Zutrauen leihen, einen Kontakt herstellen oder eine Tür öffnen. Selbstständigkeit ist deshalb keineswegs die Geschichte eines isolierten Einzelkämpfers. Sie ist, gerade am Anfang, eine Geschichte sozialer Resonanz.

Ich selbst wusste damals wenig über Verkauf. Als Offizier hatte ich weder gelernt, den Preis einer Beratungsleistung zu kalkulieren, noch Kunden zu akquirieren oder ein Angebot so zu formulieren, dass aus einer Fähigkeit ein kaufbares Leistungsversprechen wird. Ich kannte den Wert meiner Arbeit noch nicht – und damit auch nicht ihren Preis. Ebenso wenig wusste ich, wie Beratung im kommerziellen Kontext funktioniert.

Das ist keine romantische Gründerlegende. Es war eine reale Kompetenzlücke. Aber nicht jede Kompetenzlücke ist ein Argument gegen den Beginn. Manche Fähigkeiten lassen sich erst erwerben, wenn man sich in eine Situation begibt, in der man sie benötigt.

Der erste Kunde und die Faszination des Anfangs

Mein erster Kunde war ein Postversanddienstleister in Bremen. Ich hatte ihn in einer Filiale schlicht angesprochen. Aus dem Gespräch entstand ein Auftrag, aus dem Auftrag eine Rechnung und aus der Rechnung die erste Zahlung auf meinem Geschäftskonto.

Ökonomisch war das keine weltbewegende Transaktion. Psychologisch war sie enorm. Die erste bezahlte Rechnung bestätigt nicht nur, dass ein Kunde eine Leistung abnimmt. Sie beweist dem Gründer, dass aus einer abstrakten Idee ein realer Tausch geworden ist: Kompetenz gegen Geld, Vertrauen gegen Leistung, Versprechen gegen Ergebnis.

In den ersten Jahren bestand meine Arbeit aus vielen unterschiedlichen Aufgaben. Ich baute Facebook-Seiten für kleinere Unternehmen auf, machte Fotos, gestaltete Logos, produzierte Videos und beschäftigte mich mit YouTube, als Unternehmenskommunikation dort noch vergleichsweise experimentell war. Meta Ads gab es in der heutigen Form nicht. Social Media war kein ausdifferenziertes System aus Plattformlogiken, Datenanalyse, Kampagnenarchitektur und permanentem Formatwandel. Vieles ließ sich ausprobieren, ohne dass hinter jedem Handgriff bereits ein spezialisiertes Berufsbild stand.

Zu dieser Zeit entstand auch das Video „Autowerbung mit Augenzwinkern“ – gemeinsam mit meinem damaligen Mitarbeiter Lennart. Es war spielerisch, improvisiert und mit einem Humor versehen, der gut zu dieser Gründungsphase passte.

Die ersten drei Jahre meiner Selbstständigkeit waren wahrscheinlich die unbeschwertesten. Nicht, weil alles funktioniert hätte. Im Gegenteil: Vieles funktionierte nicht. Prozesse waren unscharf, Positionierung und Persönlichkeit entwickelten sich gleichzeitig, und jedes neue Projekt enthielt einen Anteil fachlicher wie persönlicher Erprobung. Aber genau darin lag die Faszination. Wer gründet, baut nicht nur ein Geschäft auf. Er konstruiert auch eine neue Vorstellung von sich selbst.

Warum Blauäugigkeit nicht nur ein Defizit ist

Heute würde ich viele Entscheidungen strukturierter vorbereiten. Ich würde Zielgruppen präziser definieren, Leistungen klarer paketieren, Preise souveräner vertreten und früher zwischen interessanten Anfragen und wirtschaftlich sinnvollen Aufträgen unterscheiden. Erfahrung hat einen Wert, gerade weil sie Komplexität reduziert.

Dennoch wäre es falsch, den damaligen Mangel an Erfahrung ausschließlich als Schwäche zu betrachten. Eine gewisse Blauäugigkeit schützt vor der Lähmung durch vollständige Risikoanalyse. Wer vor dem ersten Schritt bereits jedes Scheitern antizipiert, jede Marktentwicklung modelliert und jede persönliche Unzulänglichkeit bilanziert, besitzt am Ende möglicherweise ein differenziertes Lagebild – aber noch immer kein Unternehmen.

Unternehmertum braucht Analyse. Es braucht jedoch ebenso die Fähigkeit, trotz verbleibender Ungewissheit zu handeln. Diese Verbindung beschäftigt mich bis heute: Entscheidungen müssen fundiert sein, ohne auf eine Gewissheit zu warten, die in komplexen Situationen ohnehin nicht erreichbar ist.

Der Beginn meiner Selbstständigkeit war daher weder heldenhaft noch perfekt geplant. Er war eine Entscheidung unter Unsicherheit. Und er war richtig.

Der Anfang prägt, aber er legt nicht fest

Aus den ersten kleinen Projekten wurden größere Mandate in Public Relations, Pressearbeit, Social Media und Krisenkommunikation. Ich hielt Vorträge und wurde bei einer Veranstaltung einmal als „Enfant terrible der PR“ angekündigt. Eine Kundin schenkte mir später ein gerahmtes Bild mit dieser Bezeichnung. Es begleitet mich bis heute – nicht, weil ich mich noch immer über diese Rolle definieren würde, sondern weil es mich an die Energie dieser Jahre erinnert.

Selbst eine beinahe detektivische Recherche auf einer Insel gehörte zu meinen damaligen Aufträgen. Ich sollte herausfinden, wie sich ein Wettbewerber positionierte, quartierte mich vor Ort ein, führte Gespräche und näherte mich Schritt für Schritt den relevanten Informationen. Solche Geschichten wirken im Rückblick fast wie Episoden aus einem anderen Berufsleben. Und doch gehören sie zu demselben Weg.

Ein Unternehmen entwickelt sich nicht dadurch, dass es seine Herkunft verleugnet. Es entwickelt sich, indem es die darin erworbenen Kompetenzen neu kombiniert. Aus journalistischer Neugier wurde analytische Tiefe. Aus operativer Medienarbeit wurde Kommunikationskonzeption. Aus der Erfahrung mit Zielgruppen entstand ein systemischer Blick auf Organisationen.

Der Anfang prägt. Aber er legt nicht fest.

Zum Video: Rückblick auf 15 Jahre

Bildrechte: eigenes

Sie möchten mehr wissen?

Buchen Sie jetzt Ihr kostenloses Beratungsgespräch!

Teilen Sie diesen Artikel:
LinkedIn
XING
X
WhatsApp
Telegram
Facebook

Weitere Artikel aus unserem Blog

Freiheit, Auswahl und Resilienz – 15 Jahre, Teil 3
In drei Artikeln stelle ich meine Erfahrungen und Entwicklungen in der Selbstständigkeit als Berater vor. Heute Teil 2 über PR und Strategie.
Vom PR-Handwerk zur strategischen Beratung - Nicolas Scheidtweiler
In drei Artikeln stelle ich meine Erfahrungen und Entwicklungen in der Selbstständigkeit als Berater vor. Heute Teil 2 über PR und Strategie.
Vom Offizier in die Selbstständigkeit – 15 Jahre, Teil 1
In drei Artikeln stelle ich meine Erfahrungen und Entwicklungen in der Selbstständigkeit als Berater vor. Heute Teil 1.