Freiheit, Auswahl und Resilienz – 15 Jahre, Teil 3

In drei Artikeln stelle ich meine Erfahrungen und Entwicklungen in der Selbstständigkeit vor. Heute Teil 3.

Nicolas Scheidtweiler - Employer Branding now

NICOLAS SCHEIDTWEILER
Senior-Berater
Organisationsentwicklung & Führung
T. +49 421 639 350 29
E. nicolas@scheidtweiler-strategie.com

Nach 15 Jahren Selbstständigkeit könnte ich eine Bilanz aus Projekten, Kunden, Umsätzen, Webseiten, Marken und fachlichen Entwicklungsschritten ziehen. All das wäre richtig und zugleich unvollständig. Denn wenn ich mich frage, was von diesen Jahren wirklich bleibt, denke ich zuerst an Menschen.

An Kunden, die mir Vertrauen geschenkt haben. An Mitarbeiter in den Organisationen, die ich begleiten durfte. An Geschäftspartner, die mein Wissen ergänzt und meine Perspektive erweitert haben. An Dienstleister, mit denen aus professioneller Zusammenarbeit Verlässlichkeit und manchmal Freundschaft entstanden ist. Und an jene Personen, die zu Beginn einen Kontakt hergestellt, ein Projekt vermittelt oder mir schlicht zugetraut haben, dass aus meiner Idee ein tragfähiges Geschäft werden kann.

Selbstständigkeit wird gerne als Ausdruck individueller Freiheit erzählt. Das ist nicht falsch. Aber diese Freiheit entsteht in einem Geflecht aus Beziehungen. Ohne Vertrauen, Kooperation und wechselseitige Unterstützung bleibt sie eine abstrakte Möglichkeit.

Der Moment, in dem man einen Kunden ablehnen kann

Einer der für mich wichtigsten Entwicklungsschritte war nicht der Gewinn eines besonders großen Projekts. Es war der Moment, in dem ich einen Auftrag ablehnen konnte.

Ich war wirtschaftlich stabil genug, um nicht jede Anfrage annehmen zu müssen. Vor allem aber war ich innerlich klar genug, um zu erkennen: Dieser Kunde passt nicht zu mir. Die gemeinsamen Werte, Ziele oder Erwartungen waren nicht anschlussfähig. Eine Zusammenarbeit wäre vermutlich mühsam geworden und hätte auf beiden Seiten mehr Energie gebunden als Wirkung erzeugt.

Ein solches Nein ist kein Ausdruck von Arroganz. Richtig begründet ist es professionelle Hygiene. Beratung lebt von Vertrauen, Offenheit und der Bereitschaft, auch unbequeme Beobachtungen auszusprechen. Wo die grundlegende Beziehung nicht trägt, kann selbst hohe fachliche Kompetenz ihre Wirkung nur begrenzt entfalten.

Am Anfang der Selbstständigkeit ist diese Auswahlfreiheit gering. Liquidität schafft eine harte Realität, und die nächste Rechnung kann wichtiger sein als die ideale Passung. Das sollte man nicht moralisieren. Wirtschaftliche Unabhängigkeit entsteht schrittweise. Umso bedeutsamer ist der Punkt, an dem aus der Freiheit zur Selbstständigkeit auch eine Freiheit innerhalb der Selbstständigkeit wird.

Für mich bedeutet unternehmerischer Erfolg deshalb nicht nur, auswählen zu können, was ich tue. Er bedeutet auch, auswählen zu können, mit wem ich es tue.

Gute Zusammenarbeit ist keine Zugabe

Die besten Projekte der vergangenen 15 Jahre waren selten diejenigen, bei denen von Anfang an alles einfach war. Häufig waren die Aufgaben komplex, die Interessen heterogen und die Ausgangslage unübersichtlich. Entscheidend war vielmehr, ob die Beteiligten gemeinsam denken konnten: respektvoll, klar, verbindlich und mit der Bereitschaft, die eigene Perspektive gelegentlich zu relativieren.

Gute Kunden und Partner bringen etwas in mein Leben ein. Sie teilen Fachwissen, konfrontieren mich mit anderen organisationalen Realitäten, erweitern meinen Blick und sorgen nicht selten für Humor in Situationen, die ansonsten schwer zu ertragen wären. Beratung ist daher kein einseitiger Transfer von Wissen. Sie ist ein gemeinsamer Erkenntnisprozess mit klar verteilten Rollen.

Der Berater verfügt über Distanz, Modelle und Vergleichserfahrung. Der Kunde kennt die Organisation, ihre Geschichte, ihre informellen Regeln und die handelnden Personen. Erst wenn beide Wissensformen miteinander arbeiten, entsteht eine Lösung, die weder theoretisch folgenlos noch praktisch kurzsichtig ist.

Diese Erfahrung prägt heute mein Verständnis von Beratung stärker als jede einzelne Methode.

Resilienz ist mehr als Durchhalten

Was hat mich über 15 Jahre selbstständig gehalten? Fachliches Interesse, Freude an Komplexität und Neugier auf Menschen gehören sicher dazu. Ebenso wichtig waren Resilienz und Gesundheit.

Resilienz wird häufig missverstanden als Fähigkeit, möglichst lange Belastung auszuhalten. Das ist eine verkürzte, beinahe industrielle Vorstellung vom Menschen: resilient sei, wer unter Druck weiter funktioniert. Tatsächlich besteht Resilienz ebenso in der Fähigkeit, Grenzen wahrzunehmen, Regeneration zu organisieren und nach Rückschlägen nicht bloß in den alten Zustand zurückzukehren, sondern die eigenen Muster zu überprüfen.

Selbstständigkeit kennt keine vollständig verlässliche Taktung. Auf Phasen hoher Auslastung folgen ruhigere Monate. Projekte verzögern sich, Kunden entscheiden anders, Märkte verändern sich, Technologien entwerten eingeübte Routinen. Wer jede Schwankung als persönliches Urteil interpretiert, verbraucht enorme psychische Energie. Es braucht die Fähigkeit, zwischen einem konkreten Misserfolg und dem eigenen Selbstwert zu unterscheiden.

Dabei hilft mir Sport. Gleitschirmfliegen, Klettern, Bergsteigen und Skitouren bringen mich vom Schreibtisch weg und in Situationen, die eine andere Form von Aufmerksamkeit verlangen. Der Körper meldet sich zurück, die Wahrnehmung verändert sich, Probleme verlieren ihre vermeintliche Totalität. Danach kehre ich häufig mit mehr Energie und gedanklicher Klarheit an die Arbeit zurück.

Pausen sind daher kein Gegenbegriff zur Produktivität. Sie sind eine ihrer Voraussetzungen. Wer dauerhaft nur Ressourcen entnimmt, ohne sie zu regenerieren, führt kein leistungsfähiges Unternehmen, sondern betreibt Substanzverzehr.

Die Freiheit braucht Struktur

In den Gründungsjahren war Freiheit vor allem die Abwesenheit fremder Vorgaben. Niemand bestimmte meine Arbeitszeit, meine Themen oder die Art, wie ich ein Projekt angehen wollte. Mit zunehmender Erfahrung habe ich verstanden, dass Freiheit ohne eigene Struktur schnell in Unübersichtlichkeit kippt.

Selbstständigkeit verlangt, sich Regeln zu geben, obwohl niemand sie von außen durchsetzt. Preise müssen kalkuliert, Rücklagen gebildet, Prioritäten gesetzt, Projekte begrenzt und Erholungszeiten geschützt werden. Der Selbstständige ist zugleich Eigentümer, Führungskraft und Mitarbeiter seines eigenen Systems. Konflikte zwischen diesen Rollen verschwinden nicht dadurch, dass sie in einer Person zusammenfallen.

Gerade darin liegt eine Verbindung zu meiner heutigen Beratung: Organisationen werden nicht allein durch gute Absichten handlungsfähig. Sie benötigen Entscheidungsrahmen, nachvollziehbare Prozesse und eine Kommunikation, die Erwartungen klärt. Das gilt für Verwaltungen und Unternehmen ebenso wie für eine Ein-Personen-Selbstständigkeit.

Freiheit ist nicht die Abwesenheit von Bindung. Sie ist die Möglichkeit, Bindungen bewusst einzugehen.

Ein Unternehmen darf endlich sein

Wenn ich noch einmal 15 Jahre selbstständig bleibe, bin ich 65. Mein Ziel ist nicht, ein Unternehmen für Generationen aufzubauen. Ich verspüre keinen Drang, aus meinem Namen eine Institution zu formen, die mich überdauern muss. Vermutlich möchte ich das Geschäft schließen, bevor es seinen 30. Geburtstag erreicht – bewusst, geordnet und erfolgreich.

Auch das ist eine legitime unternehmerische Perspektive. In einer Wirtschaftskultur, die Wachstum, Skalierung und Dauerhaftigkeit bevorzugt, erscheint Endlichkeit schnell wie ein Mangel an Ambition. Für mich ist sie eher Ausdruck einer realistischen Zielsetzung. Ein Unternehmen ist kein Selbstzweck. Es soll dem eigenen Leben, den Kunden, Partnern und dem sozialen Umfeld dienen. Wenn es diese Funktion erfüllt hat, darf es enden.

Bis dahin möchte ich weiter mit Menschen arbeiten, die an substanziellen Fragen interessiert sind: Wie bleiben Organisationen unter Unsicherheit entscheidungsfähig? Wie entsteht verbindliche Führung? Wie kann Kommunikation Orientierung geben, statt nur Aktivität zu simulieren? Und wie werden aus strategischen Zielen konkrete Prozesse?

Scheidtweiler Strategie ist die gegenwärtige Antwort auf diese Fragen – nicht als endgültiger Zustand, sondern als präziseste Form dessen, was sich in 15 Jahren entwickelt hat.

Dankbarkeit ohne Verklärung

Ich schaue gerne auf die Gründungsjahre zurück. Sie waren lustig, unbeschwert und voller erster Male. Später wurde die Arbeit professioneller, seriöser und intensiver. Nicht alles war leicht, nicht jede Entscheidung richtig und nicht jede Prognose zutreffend. Eine ehrliche Rückschau braucht diese Ambivalenz.

Dennoch überwiegt Dankbarkeit. Für die Freiheit, den eigenen Weg gestalten zu können. Für Kunden, die mir anspruchsvolle Aufgaben anvertraut haben. Für Partner, die aus Ideen belastbare Konzepte gemacht haben. Für Freundschaften und Verbindungen, die ohne die Selbstständigkeit vermutlich nie entstanden wären. Und auch für die Möglichkeit, heute klarer zu wissen, welche Arbeit zu mir passt und welche nicht.

Selbstständigkeit ist kein Zustand der Freiheit. Sie ist die fortwährende Entscheidung, Verantwortung für die eigene Freiheit zu übernehmen.

Nach 15 Jahren würde ich diese Entscheidung wieder treffen.

Wer mich auf einem Teil dieses Weges begleitet hat, darf sich in diesem Rückblick ausdrücklich angesprochen fühlen. Und wer eine gemeinsame Geschichte, Erinnerung oder Anekdote mit diesen Jahren verbindet, kann mir gerne schreiben. Über Geburtstagsgrüße freue ich mich natürlich auch.

Zum Video: Rückblick auf 15 Jahre

Bildrechte: eigenes

Sie möchten mehr wissen?

Buchen Sie jetzt Ihr kostenloses Beratungsgespräch!

Teilen Sie diesen Artikel:
LinkedIn
XING
X
WhatsApp
Telegram
Facebook

Weitere Artikel aus unserem Blog

Freiheit, Auswahl und Resilienz – 15 Jahre, Teil 3
In drei Artikeln stelle ich meine Erfahrungen und Entwicklungen in der Selbstständigkeit als Berater vor. Heute Teil 2 über PR und Strategie.
Vom PR-Handwerk zur strategischen Beratung - Nicolas Scheidtweiler
In drei Artikeln stelle ich meine Erfahrungen und Entwicklungen in der Selbstständigkeit als Berater vor. Heute Teil 2 über PR und Strategie.
Vom Offizier in die Selbstständigkeit – 15 Jahre, Teil 1
In drei Artikeln stelle ich meine Erfahrungen und Entwicklungen in der Selbstständigkeit als Berater vor. Heute Teil 1.